Halte, was du hast, dass dir niemand deinen Siegeskranz raube.“ (Off.3,11)
Dieser Vers hat uns am 4.12. durch die letzte Zellebration begleitet. Ist es nicht erstaunlich? Gott krönt uns bereits mit einem Siegeskranz, während wir mit unserem Leben noch in der Arena laufen. Der Fokus liegt nun nicht mehr auf dem Gewinnen, sondern an der Freude über den Kranz und auf dem Festhalten bis zum Ziel. In anderen Übersetzungen steht statt Kranz Krone. Eine Krone bedeutet:
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Glanz: Sie bringt etwas oder jemanden zum Leuchten.
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Würde: Sie lässt aufrecht stehen und verleiht Wert.
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Einfluss: Wer eine Krone trägt, auf den wird gehört.
Leider vergessen nicht wenige, dass sie bereits eine unsichtbare Krone tragen. Deswegen ist es gut, uns gegenseitig zu erinnern. Überdies ist es sogar möglich, für andere Menschen zur Krone zu werden. Heißt: durch deine Sprache und dein Verhalten, kannst du anderen Glanz und Würde verleihen und ihren Einfluss vermehren.
Mit dem nachfolgenden Text lade ich dich ein, das vergangene Jahr krönend abzuschließen. Lass uns rückblickend Ausschau halten nach dem, was voll Glanz und Wert war und wie es Einfluss auf unseren weiteren Glaubens- und Gemeindeweg hatte.
1 Flexibel inmitten von Corona
Anfang des Jahres war noch nicht klar, ob die Pandemie im Sommer abklingen oder es durch Mutationen eine neue Bedrohungslage geben würde. Vieles war anstrengend. Aber die Zellgemeinde hat eine hohe Flexibilität bewiesen. Von unterschiedlichen Online-Formaten bis hin zu verschiedenen Masken- und Antigen-Test-Regeln war alles dabei. Vielen Dank an alle, die sich auf die jeweils neuen Bedingungen eingelassen haben. Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass es während dieser Zeit nicht zu massiven Spannungen innerhalb der Gemeinde gekommen ist.
2 Mobilität und digitaler Wandel
Zu Beginn der Pandemie im März 2020 haben wir noch versucht, technisch vieles möglich zu machen. Seitdem wir uns wieder in Präsenz treffen können, wurde der digitale Aufwand zurückgefahren. Das Digitale war zu keiner Zeit als Ersatz für das Analoge gedacht. Beides kann sich jedoch unterstützen. Digitales ist hilfreich als Internet-Präsenz, als Orga-Tool, als Podcast zum Nachhören, als Musik-Stream oder als Zoom-Zuschaltung. Es hilft, auch aus der Entfernung den Anschluss zu behalten und miteinander in Kontakt zu bleiben. Gerade auch, wenn man krank zu Hause oder verreist ist.
Sollte jedoch das Digitale dazu führen, dass wir zu bequem werden, um unsere Wohn-Kokons zu verlassen und den Aufwand scheuen, die direktere Begegnung zu suchen, scheint die Entwicklung in eine falsche Richtung zu gehen. Deswegen: Vielen Dank an alle, die sich immer neu auf den Weg gemacht haben, um sich an unterschiedlichen Orten unserer Stadt zu treffen - sei es im Konsul-Hackfeld-Haus, dem Konventshaus, dem Apfelkulturparadies, den Midi-Standorten wie Grolland, Utbremen, Ritterhude, Schwanewede, Lilienthal, Grasberg, Habenhausen, Oyten oder wo immer wir uns in Zukunft am Sonntag oder in der Woche noch versammeln werden.
Auch wenn es damals aufwendig war, denke ich noch gerne an die ersten Monate der Zellgemeinde 2005 zurück. Wir trafen uns nahezu jeden Sonntag woanders und haben alle verfügbaren Kulturzentren, Bürgerhäuser, Diskotheken, Café-Bars, Tanzstudios und anderes mehr für Gottesdienste ausprobiert. Das hat unser gesamtes Bild von Kirche verändert. Der Leitgedanke war: „Die Stadt ist unser Zuhause“, was unter anderem bedeutete: Wir können uns überall zum Gottesdienst versammeln und an jedem privaten oder öffentlich-säkularen Ort Gott die Ehre geben. Es ist gut, sich daran zu erinnern, wie wir begonnen haben. Unser Selbstverständnis war:
„Kirche besteht aus Menschen, die miteinander unter der Führung des Geistes unterwegs sind, um in der Kraft Jesu anderen zu dienen und dem Friedensreich Gottes Gestalt zu geben.“
Könntest du das heute noch genauso unterschreiben?
3 Zonen der Veränderung
2022 hat sich vieles verändert. Manche Wandlungsprozesse sind wie im Zeitraffer abgelaufen. Lass uns auf einige Bereiche einen genaueren Blick werfen:
3.1 Gebäude und Standorte
Ich bin nach wie vor dankbar, dass wir das Konsul-Hackfeld-Haus (KHH) als Standort gefunden haben. Es gibt dort beste Miet-Konditionen, die Absprachen mit der Verwaltung sind unkompliziert, die Verkehrsanbindung ist super und die Lagermöglichkeiten sind ideal. Leider sind wir als Zellgemeinde durch die Pandemie und deren Folgeeffekte dermaßen geschwächt, dass es uns kaum gelingt, über das Bestehende hinaus zu denken und eine Wirkung in der Stadt zu entfalten. Und: Als kleine Gruppe fühlen wir uns im großen KHH manchmal ein wenig verloren. Im guten Sinne weitet uns das KHH aber den Blick für eine wachsende Gemeinde in Bremen. Es wäre kein Problem, dass wir uns an diesem Standort mit 120 oder sogar 150 Personen versammeln.
Seit Anfang des Jahres steht uns das Konventshaus Lilienthal als weiterer Standort zur Verfügung. Diese ganze Entwicklung kam unerwartet. Als die Idee im Herbst 2020 an uns herangetragen wurde, war mir lange Zeit nicht klar, ob ich es als Fügung oder als Versuchung deuten sollte. Fügung Gottes, weil es schon sehr verblüffend war, an diesem konfliktreichen Ort erneut ansetzen zu können und damit die Geschichte anders weiterzuschreiben. Versuchung, weil wir nicht abschätzen konnten, ob uns die Verwaltung eines Gebäudes von der Idee einer netzwerkorientierten Zellgruppen-Gemeinde ablenken würde.
Letztendlich haben wir damals nur deswegen ein Ja zum Konventshaus gefunden, weil die Idee eines offenen, gemeinwohlorientierten Kulturzentrums leitend war. Mit diesem Ansatz ergeben kirchlich verwaltete Gebäude auch während der Woche Sinn. Spannend war, dass wir im September, nach der äußerst kurzfristigen Absage der Gemeindefreizeit in Oese, aus dem Stand eine Versammlungsmöglichkeit für ein alternatives Gemeindewochenende hatten. Für alles, was sonst noch in diesem Jahr im Konventshaus geschehen ist, verweise ich auf den gesonderten Bericht des Konventshaus-Teams (siehe weiter unten).
3.2 Personal und Engagement
Seit Februar war klar, dass Tobias nach dem Sommer seine Personalanstellung in der Zellgemeinde beendet und ganz in den Schuldienst wechselt. Auch Matthias stand nach 12 Jahren leitender Gemeindearbeit nicht mehr für diese Leitungsaufgabe zur Verfügung. Seit Juni arbeiten wir nun mit einer überwiegenden Neubesetzung in der Gemeindeleitung. Außer mir kennt keiner mehr den Gründungskonflikt und die schwierige Anfangszeit der Zellgemeinde. Das befreit den Blick nach vorne.
Zur Bilanz dieses Jahres gehört auch, dass viele Arbeitsbereiche mit teils geringen Mitarbeits-Ressourcen bewältigt wurden. Da war einiges an Ausdauer nötig. Vielen Dank insbesondere an alle Mitarbeitenden im Kinder- und Teenie-Bereich, die kreativ mit allen kurzfristigen Umdisponierungen und Ortsveränderungen umgegangen sind. Es ist offenkundig, dass es hier einen personellen Engpass gibt. Wir halten bereits Ausschau nach Verstärkung.
3.3 Menschen und Lokalgemeinde
2022 haben so viele Mitglieder die Zellgemeinde verlassen, wie noch nie in der 17-jährigen Geschichte zuvor. Manche Prozesse begannen schon vor der Pandemie. Letztendlich aber haben zwei Jahre Corona-Krise dazu geführt, dass eine Reihe von Personen ihre Anbindung an uns als konkrete Lokal-Gemeinschaft verloren haben. Mit einzelnen, die uns verlassen haben, verbindet mich eine über 30-jährige Erinnerungsgeschichte. All das löst – nicht nur bei mir – Trauerprozesse aus, die sich nur schwer in Worte fassen lassen.
Natürlich sind wir nicht die einzige Gemeinde, die solche Entwicklungen erlebt. Das führt zu Fragen wie: Wozu braucht es eine konkret sichtbar organisierte Kirche? Was ist die Funktion von Sonntagsversammlungen? Mit welchem Ziel verbinden und verbünden wir uns zu einer christusorientierten Gemeinschaft? Worum geht es, wenn wir Menschen einladen, sich uns anzuschließen?
3.4 Sonntagsformate und Beteiligung
All diese teils aufgezwungenen Außenumstände haben uns angespornt, seit März eine Reflexion des Bestehenden und eine Neuausrichtung der Zellgemeinde vorzunehmen: Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Wie möchten wir auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen? Wie könnte eine zukunftsweisende Form von christlicher Gemeinschaft aussehen?
Das Ziel ist eine im Monatsrhythmus atmende Netzwerkstruktur mit unterschiedlichen Engagementformaten und Andockmöglichkeiten. Mal liegt am Sonntag der Fokus mehr auf „Feiern mit Klein und Groß“, mal auf „Intensiv-Lernen aus der Bibel“ und mal auf „Begegnungen im privaten Umfeld“. Letztendlich machen wir jetzt Ernst mit all dem, was wir seit Jahren angedacht haben: Gemeinde ist ein aktives Beziehungsnetz aus an Jesus orientierten Menschen jeden Alters. In einem Beteiligungs-Netzwerk gibt es kein statisches Zentrum, keine pastorale Zentralfigur und keine vordefinierte Sonntagsliturgie. Richtig ist, dass bei aller Fluidität eine gewisse Orientierung nötig ist, um gemeinsam auf dem Weg zu sein und sich einbringen zu können. Ebendarum planen wir halbjahresweise im Voraus und halten die Internetseite aktuell. Genauere Infos zu den aktuellen Sonntagformaten findest du auf der Website unter:
Danke an alle, die sich bereits auf diese dynamische Weggestalt von Kirche eingelassen haben und sich an der einen oder anderen Stelle engagieren. Ich bin stolz darauf, dass wir als Gemeinschaft so flexibel, standort-mobil, vernetzt und konstruktiv nach vorne denken und leben.
4 Praktikum und offene Baustellen
Ende des Jahres war Nora für ein sechswöchiges Praktikum in der Zellgemeinde. Was zeigt man jemandem, der uns als Gemeinde kennenlernen möchte? Standorte und Gebäude? Mitarbeitstreffen? Konzept-Papiere? Einzelne Menschen? All das gehört dazu. Vielmehr geht es aber auch um Prozessdynamiken, den Umgang mit Konflikten, um Entwicklungsideen und die Erinnerungskultur. Eine christliche Gemeinschaft ist ein sozio-spiritueller Raum, der permanent durch sich verändernde Erinnerungen und neue Erlebnisse in Bewegung bleibt. Jeder Mensch gestaltet diesen Beziehungs-Raum mit: mit seinen Worten, seinem Verhalten, durch sein Engagement, aber auch durch seine stellenweise Verweigerung. All das wirkt zurück auf das Gesamtgeschehen, das wir „christliche Gemeinschaft“ nennen.
Zum Ende des Jahres wird deutlicher, bei welchen Themenfeldern es weiteren Handlungsbedarf gibt:
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Die Suche nach personeller Unterstützung für junge Gemeinde und stadtweiter Vernetzung.
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Einen Austausch über die aktuellen Sonntagsformate und mögliche Modifikationen, wie z. B. Musik und bibel-ze/\ten in Kombination.
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Die Eingewöhnung in die neue Website mit ihren erweiterten Funktionen.
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Einen intensiveren Blick „nach außen“ zum Wohle anderer Menschen und des Gemeinwesens.
5 Ausblick
Als Gemeinde sind wir eingebettet in größere Wandlungsprozesse unserer Gesellschaft. Drei Entwicklungstrends werden sich nicht mehr aufhalten lassen, sondern eher noch verstärken:
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Digitaler Wandel: Das gesamte Leben wird immer mehr von Digitalität durchdrungen sein. Das wirkt sich auch auf die Glaubenspraxis und das Gemeinschaftsgefühl aus.
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Flexibilisierung der Lebenswelten: Jede:r nimmt sich die Freiheit, das Engagementlevel oder die Anbindung zur Gemeinde nach Bedarf frei zu gestalten.
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Rückbau des institutionalisierten Christentums: Die verfasste Form von Kirche nimmt weiter ab und der christliche Glaube wird immer erklärungsbedürftiger.
Umso mehr braucht es eine Form von Kirche, die als „schwärmender Christus“ unterwegs ist. Eine Kirche, in der sich „Mitglieder“ als Friedens-Akteure verstehen, wo immer sie vom Geist Gottes hingeführt werden. Eine Kirche, die Flexibilisierung nicht als Bedrohung erlebt, sondern als Chance, Neues zu denken und dort, wo es möglich ist, Schalom-Räume aufspannt. Eine Kirche, die es liebt, in Gottes großer Sinn- und Freiheitsgeschichte zu leben, und andere einlädt, sich dem anzuschließen. Danke, dass du dabei bist.
Mit Grüßen aus der Gemeindeleitung
Jens Stangenberg, 18.12.2022
PROJEKT KONVENTSHAUS
Ein Ort für Menschen.
Im Konventshaus ist Gemütlichkeit eingezogen. Oft steht das im Zusammenhang mit der individuellen Raumgestaltung und dem Upcycling-Stil, der Persönlichkeit und Kreativität ausstrahlt. Besonders Reni hat im vergangenen Jahr viel Liebe und viele Stunden in die Ordnung und die Gestaltung der Räume gesteckt. Auch viele von euch haben schöne Spuren hinterlassen, auf den Gemeinschaftskunstwerken oder durch farbig gestrichene Wände.
Kunst und Schönheit zieren den Raum aber nicht nur dauerhaft, sondern in den letzten 12 Monaten fanden dort auch viele Veranstaltungen statt, in denen Raum für Kreativität gegeben wurde. Neben unseren Gemeindeveranstaltungen fanden Workshops in den Nachhaltigkeitswochen, Bandproben, Kleidertauschbörsen und Improtheater-Vorstellungen statt.
Feiern, beten, meditieren, aufeinander und auf Gott hören, den eigenen Geist berühren lassen, auch das hatte Raum im letzten Jahr. Zum Stichwort Inspiration denke ich neben den Gottesdiensten besonders an die „Feuerstellen-Abende“, kunstschaffende Midi-Gottesdienste, aber auch an die ZellScouts und unsere ganz besondere Gemeindefreizeit. Auch ein Pfadfinderstamm aus der Lilienthaler Nachbarschaft hatte im Konventshaus sein großes Mitarbeitendentreffen.
Mit dem Konventshaus und seinen Möglichkeiten fühlen wir uns reich beschenkt. Und wir haben es ja schon vorher gewusst, dieses Geschenk ist so groß, dass es auch für viele andere Personen, Vereine und Institutionen reicht. Wir teilen es super-gerne mit der Freiwilligenagentur Lilienthal, mit den Kindern der Schroeterschule, mit „Fit für die Schule“ (Nachhilfe für Geflüchtete), mit kleinen und großen Menschen, die etwas zu feiern haben, für Kochprojekte mit Kindern, für Vereinssitzungen oder als Ein-Tages-Impfzentrum. Wir teilen Räume und dadurch kann Leben geteilt werden, wenn Menschen Gemeinschaft erleben, sich gesehen fühlen, ihre Begabungen teilen oder miteinander essen.
Auch wenn es für uns in diesem Jahr mit viel Arbeit (Renovieren, technische Reparaturen, Rechnungen Schreiben und Einstellungen → besonderes Danke an Kai!, Beziehungen Aufbauen und Absprachen treffen → viel auch Esthers Bereich) verbunden war, unser Projekt zu starten, ermutigten uns unglaublich viele begeisterte und dankbare Rückmeldungen von den verschiedensten Personen, denen wir mit dem Konventshaus gedient haben. Euch allen, die ihr das Projekt Konventshaus mitgetragen und unterstützt habt, durch Gartenpflege, Mülldienste, Staubsaugen, Technik-Dienste, Veranstaltungen initiieren, gute Stimmung verbreiten, wertschätzen und so vieles mehr, sei hiermit auch der Dank weitergegeben!
Euer Konventshaus-Team